Wenn Treppensteigen oder das Tragen der Einkäufe gerade mehr Kraft kosten, setzt Krankengymnastik am Gerät genau dort an. Sie trainieren Bewegungen, die Ihnen im Alltag wichtig sind. Anders als ein allgemeiner Trainingsplan im Fitnessstudio beginnen die Übungen mit Ihrem ärztlichen Rezept und einem physiotherapeutischen Befund. So bekommt jede Belastung einen nachvollziehbaren Zweck.
Was bedeutet Krankengymnastik am Gerät?
Krankengymnastik am Gerät, kurz KGG oder KG-Gerät, ist eine aktive Behandlung innerhalb der Physiotherapie. Die Heilmittel-Richtlinie beschreibt sie als gerätegestütztes Training bei bestimmten Störungen der Muskelfunktion und der Wirbelsäule. Eine krankheitsbedingte Muskelschwäche oder ein Ungleichgewicht zwischen Muskelgruppen kann dazugehören. Auch die Kraftausdauer zählt: Sie beschreibt, wie lange ein Muskel eine Bewegung mittragen kann.
Ein Trainingsplan für KGG folgt keinem allgemeinen Fitnessziel. Er soll eine Funktion unterstützen, die Ihnen im Alltag wichtig ist: sicherer Treppen steigen oder eine Tasche leichter tragen. Dafür verbindet die Behandlung passende Übungen mit einer physiotherapeutischen Einschätzung und einer Belastung, die zu Ihrer Situation passt.
KGG ist eine verordnete Heilmittelbehandlung. Für die Abrechnung bei den gesetzlichen Krankenkassen gelten besondere Anforderungen an die Weiterbildung der behandelnden Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten.
Für wen kann KGG verordnet werden?
Eine Ärztin oder ein Arzt kann KGG nach einer Operation oder Verletzung verordnen. Das kommt infrage, wenn dadurch Bewegungen im Alltag schwerer fallen oder Ihre Belastbarkeit sinkt.
Nach einer Knieprothese geht es zum Beispiel darum, die Funktion des Beins schrittweise wieder aufzubauen. Welche Bewegungen passen, richtet sich auch nach dem Heilungsverlauf und den ärztlichen Belastungsvorgaben. Mehr zum Verlauf nach dem Eingriff lesen Sie im Beitrag Physiotherapie nach einer Knieprothese.
Auch bei anhaltenden oder wiederkehrenden Rückenbeschwerden kommt gerätegestütztes Training infrage, wenn passende Funktionsprobleme vorliegen. Der Heilmittelkatalog führt bei Wirbelsäulenbeschwerden Einschränkungen von Muskelkraft und Ausdauer auf. Auch Koordination kann betroffen sein.
Nicht jede Episode mit Rückenschmerzen braucht KGG. Die Verordnung richtet sich nach der Diagnosegruppe. Ausschlaggebend sind außerdem die konkreten Einschränkungen und das Therapieziel. Weitere Hinweise finden Sie im Beitrag Rückenschmerzen und Bewegung.
Für die Zeit nach einer Knieprothese empfehlen aktuelle Leitlinien schrittweise gesteigertes Krafttraining. Bei chronischen Rückenschmerzen fand eine Cochrane-Übersicht von 2021 moderate Evidenz für einen Nutzen von Bewegungstherapie.
Im Vergleich zu keiner Behandlung, üblicher Versorgung oder Placebo kann sie Schmerzen lindern. Der durchschnittliche Effekt auf Einschränkungen im Alltag war klein. Diese Ergebnisse betreffen Bewegungstherapie allgemein und versprechen keinen bestimmten Erfolg durch KGG.
Was unterscheidet KGG vom Fitnessstudio?
Im Fitnessstudio bestimmen Sie Ihre Trainingsziele meist selbst oder folgen einem allgemeinen Trainingsplan. Bei KGG gibt die ärztliche Verordnung den Rahmen vor. Der physiotherapeutische Befund und Ihre Alltagsziele bestimmen, welche Übungen Sie machen und wie anstrengend sie sind. So trainieren Sie gezielt für eine Funktion, statt allgemein Ihre sportliche Leistung zu steigern.
Die Übungen fühlen sich trotzdem nach Krafttraining an. Die Physiotherapeutin oder der Physiotherapeut erklärt die Bewegung und achtet auf Ihre Ausführung. Wenn die Belastung noch nicht zu Ihnen passt, wird sie angepasst.
Sie müssen dafür keine Erfahrung im Fitnessstudio mitbringen. Sagen Sie ruhig, wenn Sie sich bei einer Bewegung unsicher fühlen oder nicht wissen, wie viel Kraft Sie einsetzen sollen.
Der GKV-Vertrag sieht eine parallele Einzelbehandlung für bis zu drei Personen vor. Das ist kein Gruppenkurs mit einem gemeinsamen Plan: Jede Person hat eigene Ziele und Übungen. Während Sie einen Satz ausführen oder eine Pause machen, betreut die Physiotherapeutin oder der Physiotherapeut zeitweise auch eine weitere Person. Die Aufmerksamkeit wechselt also, die Behandlung bleibt auf Ihren Befund abgestimmt.
Studien vergleichen meist ganze Rehabilitationsprogramme oder Bewegungsübungen. Sie belegen keinen besonderen Vorteil von KGG gegenüber anderen Trainingsformen. Der Unterschied liegt im medizinischen Auftrag und im Befund.
Wie entsteht Ihr Trainingsplan?
Am Anfang steht ein Gespräch. Welche Bewegung fällt Ihnen schwer? Was möchten Sie wieder sicherer tun können? Auch bisherige Behandlungen oder Einschränkungen, die beim Training wichtig sind, kommen zur Sprache.
Dann folgt der physiotherapeutische Befund. Je nach Anlass prüft die Physiotherapie Ihre Kraft und Beweglichkeit. Auch die Koordination kann eine Rolle spielen.
Dabei zählt, wie Sie auf bestimmte Bewegungen reagieren. So zeigt sich, wo das Training ansetzt und welche Belastung zum Start passt. Die ärztliche Diagnose wird dadurch nicht ersetzt oder verändert.
Aus dem Befund entsteht Ihr Plan. Er legt fest, wie oft Sie eine Bewegung wiederholen und wie viele Sätze Sie machen. Auch die Pausen stehen fest.
Beim Treppensteigen drücken Sie Ihren Körper nach oben. Beim Absteigen fangen Sie Ihr Gewicht kontrolliert ab. Solche Anforderungen lassen sich in passende Übungen übersetzen, ohne dass Sie gleich jede Bewegung im Alltag wiederholen müssen.
Der Plan bleibt beweglich. Wenn sich eine Übung sicher anfühlt und Sie sich davon gut erholen, wählt die Physiotherapeutin oder der Physiotherapeut den nächsten Schritt. Das heißt nicht automatisch, bei jeder Einheit mehr Gewicht aufzulegen.
Manchmal passen einige Wiederholungen mehr; bei anderen Übungen hilft zuerst ein größerer Bewegungsweg oder eine ruhigere Ausführung. Nach einer Operation gelten weiterhin die ärztlichen Vorgaben.
Was bewirkt Krafttraining im Körper und wie lange dauert die Anpassung?
Wenn ein Muskel gegen Widerstand arbeitet, entsteht Spannung im Gewebe. Darauf reagiert der Körper mit Umbau- und Reparaturprozessen. Er bildet Muskelproteine neu. So passen sich die arbeitenden Strukturen Schritt für Schritt an die wiederkehrende Belastung an.
Eine einzelne Einheit setzt den Reiz. Die Anpassung entsteht über viele Wiederholungen dieses Ablaufs, nicht über Nacht.
Kraft kann sich verbessern, bevor ein Muskel sichtbar größer wird. Am Anfang lernt auch das Nervensystem, die beteiligten Muskeln besser anzusteuern und eine Bewegung sicherer auszuführen. Eine Übersichtsarbeit beschreibt die Zeitspanne der Gewebeanpassung.
In den ersten vier Einheiten können Messwerte noch Schwellung widerspiegeln. Nach etwa zehn Einheiten zeigten sich erste Zeichen von Muskelaufbau. Deutlichere strukturelle Veränderungen wurden erst nach rund 18 Einheiten beschrieben. Das ist keine persönliche Frist.
Trainingshäufigkeit und Ausgangslage unterscheiden sich. Auch der Heilungsverlauf beeinflusst, wann Veränderungen auffallen.
Für Sie heißt das: Eine gelungene Einheit muss sich nicht sofort im Spiegel zeigen. Achten Sie auf alltagsnahe Veränderungen, etwa ob Sie beim Aufstehen weniger mit den Armen nachhelfen oder eine Treppe kontrollierter bewältigen. Auch wenn solche Schritte zunächst klein ausfallen, helfen sie der Physiotherapeutin oder dem Physiotherapeuten einzuschätzen, ob der Plan noch passt.
Wie läuft eine Einheit ab und wie steigern Sie die Belastung?
Laut Leistungsbeschreibung des GKV-Vertrags gehört ein kurzes Aufwärmprogramm dazu. Danach üben Sie die vorgesehenen Bewegungsabläufe. Ihre Physiotherapeutin oder Ihr Physiotherapeut erklärt, worauf es ankommt, und beobachtet die Ausführung.
Wenn die Bewegung nicht kontrolliert gelingt oder Beschwerden deutlich zunehmen, werden Übung und Belastung angepasst. Eine Einheit kann mit einem kurzen Abwärmprogramm enden.
Wie anstrengend sich das Training anfühlt, gehört zur Belastungssteuerung. Im Krafttraining spricht man von „Wiederholungen in Reserve“. Der Begriff schätzt, wie viele saubere Wiederholungen am Satzende noch möglich wären. Hätten Sie noch zwei geschafft, liegen ungefähr zwei Wiederholungen in Reserve.
Die Zahl ist eine Orientierung, keine Prüfung. Wenn Sie neu trainieren, fällt die Einschätzung oft noch schwer. Beschreiben Sie dann, wie anstrengend die Bewegung war. Die Fachperson verbindet Ihre Rückmeldung mit dem Befund und Ihrer Ausführung.
Wenn Sie die Bewegung sicher kontrollieren, ergänzt die Physiotherapeutin oder der Physiotherapeut Wiederholungen oder erhöht den Widerstand. Die Steigerung richtet sich danach, wie Sie sich im Anschluss erholen. Mehr Gewicht ist kein Pflichtprogramm. Gerade nach einer Operation geben die medizinischen Vorgaben das Tempo mit vor.
Muskelkater ist dabei kein Gradmesser für eine gute Einheit. Nach einer ungewohnten oder stärkeren Belastung können Muskeln später empfindlich sein. Studien zeigen aber, dass Muskelschäden und Muskelkater für Kraftzuwachs oder Muskelaufbau nicht notwendig sind.
Ein Training kann wirksam sein, ohne dass Sie am nächsten Tag Beschwerden spüren. Entscheidend ist, ob die Bewegung kontrolliert war und die Belastung zu Ihrer Situation passte. Wenn neue oder deutlich zunehmende Beschwerden auftreten, sprechen Sie sie an.
Ist Krafttraining auch im höheren Alter sinnvoll?
Viele Menschen verbinden Krafttraining mit jungen, sportlichen Personen. Für die eigene Belastbarkeit zählt aber nicht das Geburtsjahr allein. Auch später im Leben lassen sich Kraft und Bewegungsfähigkeit trainieren, wenn Übungen und Belastung zu Gesundheit und Alltag passen. Treppensteigen oder das Aufstehen vom Stuhl zeigen oft deutlicher als ein Trainingswert, wofür die Kraft gebraucht wird.
Eine systematische Übersichtsarbeit mit 21 Studien und 1.610 Erwachsenen ab 60 Jahren fand Verbesserungen der Muskelkraft und körperlichen Funktion durch Krafttraining. Die Autorinnen und Autoren ordnen die Ergebnisse als vorläufig ein. Sie belegen einen Nutzen von Krafttraining in den untersuchten Gruppen, aber keinen besonderen Vorteil von KGG gegenüber anderen Trainingsformen.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt älteren Erwachsenen allgemein muskelkräftigende Aktivität an mindestens zwei Tagen pro Woche. Außerdem empfiehlt sie Bewegung mit Gleichgewichts- und Kraftanteilen an mindestens drei Tagen pro Woche.
So soll die Funktionsfähigkeit unterstützt und Stürzen vorgebeugt werden. Das sind allgemeine Bewegungsempfehlungen, keine Vorgabe für Ihre KGG-Verordnung. Bei Schmerzen, einer Operation oder anderen gesundheitlichen Einschränkungen stimmen Sie das Training individuell ab.
Wie lange dauert KGG und wie geht es danach weiter?
Der GKV-Vertrag nennt für KG-Gerät eine Regelbehandlungszeit von 60 Minuten je Patientin oder Patient. Bis zu drei Personen können parallel einzeln behandelt werden. Die Regelzeit bedeutet deshalb nicht, dass die Physiotherapeutin oder der Physiotherapeut während der gesamten Stunde ausschließlich bei einer Person ist. Die Behandlung muss auch nicht für alle gleichzeitig beginnen.
Eine feste Zahl an KGG-Einheiten gilt nicht für alle. Im Heilmittelkatalog hängen Verordnungsmenge und Häufigkeit von der Diagnosegruppe und dem medizinischen Bedarf ab. Er nennt Höchstmengen je Verordnung und orientierende Behandlungsmengen. Diese müssen nicht in jedem Fall ausgeschöpft werden.
Mit dem Ende der Verordnung hört Bewegung nicht auf. Wenn Sie die Übungen sicher beherrschen, können Sie zu Hause oder im Fitnessstudio selbstständig weitertrainieren.
Beginnen Sie mit einer Belastung, die Sie gut kontrollieren können. Nutzen Sie die Rückmeldungen aus der Behandlung für Ihre nächsten Schritte. Rehabilitationssport ist eine weitere Möglichkeit, braucht aber eine eigene ärztliche Verordnung und findet in Gruppen statt. Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt, ob er zu Ihrem Ziel passt.
Nicht jede Physiotherapiepraxis bietet KGG an, denn dafür braucht es Trainingsgeräte und eine eigene Weiterbildung. Wenn Sie eine Praxis auswählen, fragen Sie vorab, ob sie KGG anbietet und welche Kleidung Sie zum Training brauchen.